Lektorat – können das Rechtschreibprogramme heutzutage eigentlich nicht besser?

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Diese Frage kommt in meinem Leben ziemlich häufig auf. In dieser verrückten Zeit vor Corona, in der wir alle noch Sozialkontakte hatten, wurde sie mir zumindest regelmäßig auf Partys, Geburtstagen und Familienfesten angetragen. Jetzt würde ich mich ja eigentlich gerne darüber aufregen, wie unhöflich das ist, denn natürlich ist Lektorat viel mehr als das und natürlich habe ich nicht zwei Uniabschlüsse gemacht, um „gut in Rechtschreibung“ zu werden. Dummerweise kann ich aber ganz gut verstehen, woher die Frage kommt. Wer noch nie den Vorher-Nachher-Effekt eines guten Lektorats am eigenen Text erlebt hat, für den bleibt dieser ganze Beruf verständlicherweise ominös. Dabei teilen sich die Vorstellungen der Menschen meiner Erfahrung nach grob in zwei Gruppen auf (und auch die Graustufen zwischen den Extremen sind natürlich wohlbesetzt). Die einen fürchten mir zuliebe darum, dass mein Job in absehbarerer Zukunft – vielleicht schon heute! – von Maschinen übernommen werden kann. Die anderen trauen dem Lektorat wesentlich mehr zu und haben wunderschöne romantische Vorstellungen davon, wie man sich in enger Zusammenarbeit mit einem Autor oder einer Autorin bei so einigen Gläsern Rotwein die Nächte um die Ohren schlägt, um am perfekten Manuskript zu arbeiten und gemeinsam um jedes Wort, jedes Komma, jedes Detail zu ringen. Ein bisschen wie im Film „Genius“ mit Jude Law und Colin Firth. Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Ich bin mittlerweile dazu übergegangen, meinen Beruf so zu erklären: Als Lektorin bin ich so was wie Automechanikerin für Texte. Ich schaue mir erst an, ob alles rund läuft, ob es irgendwo hakt und stottert, ob eventuell der Tacho kaputt ist und das Ding manchmal plötzlich viel zu schnell fährt, nur um sich dann kaum noch vorwärts zu schieben. Nach dieser Bestandsaufnahme fange ich an zu arbeiten, und zwar nur an den Stellen, an denen der Text das braucht. An manchen Stellen baue ich was an, an manchen nehme ich was weg. Das kommt immer ganz auf den konkreten Fall an. Bei manchen Texten muss ich nur drei Kommas einfügen und bin fertig. Andere muss ich bis auf ihre Karosserie entkernen, um herauszufinden, woher dieses Stottern kommt – und danach baue ich sie wieder richtig zusammen. Erst wenn der Motor zufrieden schnurrt und alles rund läuft, kommt die Politur. Das ist dann die Sache mit Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung, in der viele Programme tatsächlich immer besser werden und uns Menschen vielleicht wirklich in ein paar Jahren noch viel mehr Arbeit abnehmen können (ich persönlich freue mich drauf). Dazu kommen Vereinheitlichungen, Formalia und je nach Bedarf noch eine Fahnenkontrolle auf Umbrüche, Trennungen und Co. Auch da kommt es immer drauf an, was der Text braucht und was man mit dem Text erreichen will. Klar ist auf jeden Fall: Niemand bringt mir einen sympathischen alten VW Käfer vorbei und steht dann zur Abholung kopfkratzend vor einem tiefergelegten Ungetüm mit angebauten Spoilern, lackiert in Neongrün mit feschem Tribal-Muster, weil die Neunziger mal wieder zurückgekommen sind. Ich finde lieber ganz am Anfang heraus, was wir mit dem Text erreichen wollen, und setze dann an genau den Punkten an. Und da sind wir uns wahrscheinlich einig: Das kann ein Rechtschreibprogramm auch in fünf Jahren noch nicht.


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